3 / 2000


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Column

EIN deutsches Plädoyer für Bildung

Birgit Kretschmann

Birgit Kretschmann

Seit einigen Jahren verfolge ich nun die Situation der Lehrenden und Studierenden an Hochschulen. Nach einigen "Lehr- und Wanderjahren" in Ost- und Westfinnland, u.a. 1988–90 am Institut für Übersetzen und Dolmetschen (Savonlinna) kam ich 1992 als DAAD-Lektorin an die Universität Turku. Neben dem Unterricht in der Fachrichtung Übersetzen/Dolmetschen übernahm ich Aufgaben im Bereich der Internationalisierung, weil es mit Hilfe des DAAD u. a. leichter war, Kontakte aufzubauen und dadurch die zu meiner Studienzeit kaum vorhandene Möglichkeit, im Ausland zu studieren, für die nachfolgenden Studentengenerationen nutzbar gemacht werden konnten. Wegen des früher langen Bewerbungsprozesses, der Fragen der Finanzierung und Anerkennung von Leistungen entschied man sich damals häufig gegen ein Auslandsstudium. Für die heutigen Studierenden bietet der Auslandsaufenthalt während des Studiums einen Vorteil auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt, und ist heute sogar ein Muß anders als früher. Der eigene, längere Auslandsaufenthalt wurde z. B. für mich erst durch die berufliche Tätigkeit in Finnland Realität. Es gab bzw. gibt also viel zu tun und zu lernen. Doch empfinde ich den Aufenthalt und die Art meiner Tätigkeit bis heute als eine Bereicherung in meinem Leben.

Unlängst traten einige Studierende im Nebenfach Dolmetschen mit dem Wunsch an mich heran, im Kurs Vortrags- und Redetechnik Reden mit politischen Inhalten analysieren zu wollen. Diesen Kursteilnehmern war aufgefallen, daß ihnen sowohl Floskeln als auch manche Sachverhalte, z.B. Anspielungen auf die deutsche Vergangenheit, Probleme bereiteten. Auf der Suche nach geeigneten Reden stieß ich im Internet u.a. auf ein Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau, das er anläßlich des 100. Geburtstages des Philosophen und Hermeneutikers H.-G. Gadamer am 11. 2. 2000 in der Universität Heidelberg gehalten hatte. Rau setzt sich darin mit dem Begriff "Verstehen", was für ihn vor allem die "Zusammenhänge verstehen" heißt, auseinander. Für die heutige Bildungspolitik fordert er eine tiefere als die derzeit oberflächlich geführte Diskussion: "Es ist im Abendland ... eine zumindest neue Idee, dass Schnelligkeit ein Äquivalent für Qualität in der Bildung geworden ist ... wir brauchen Akademiker, die sich in ihrem Gebiet gut umgetan haben und auch Zeit hatten, darüber nachzudenken, was um sie herum vorgeht. Viele glauben, daß wir in einer ideologiefreien Zeit leben. Aber zu viele erliegen ... der Ideologie der Schnelligkeit und der Effizienz".

Ein Gedanke, der mir für Lehrende und Studierende an den Universitäten, ob in der Bundesrepublik, in Finnland oder anderswo in der westlichen Welt, zentral zu sein scheint. Lehrende wie Studierende der Fachrichtung Übersetzen/Dolmetschen sind in besonderer Weise von der heutigen Schnelligkeit betroffen und beklagen den Zeitmangel. Aufgrund der neuen Technologien hat sich einerseits das Berufsbild des Übersetzers in unwahrscheinlich kurzer Zeit gewandelt, d.h. ohne die Nutzung von Datenbanken, e-mail usw. ist an eine Berufsausübung kaum noch zu denken. Und auch bedeutet das Internet eine hervorragende Möglichkeit, sich mit aktuellem Material auf Aufträge vorzubereiten. Mit der Technik allein ist es beim Übersetzen/Dolmetschen jedoch nicht getan. Bei dieser Form der interkulturellen Kommunikation ist die Vermittlung zwischen zwei Partnern aus unterschiedlichen Kulturen das Ziel. Verständigung gelingt, wenn z. B. Verhandlungen zwischen Geschäftspartnern erfolgreich abgeschlossen werden. Für diese verantwortungsvolle und komplexe Tätigkeit benötigt man Sprachkompetenz, übersetzerische/dolmetscherische Kompetenz sowie Kulturkompetenz und dies jeweils in der Ausgangs- und Zielsprache. Darüber hinaus sind Flexibilität und Kreativität notwendig, damit der Situationskontext erfasst, und analysiert werden kann. Gerade der Erwerb der Kompetenzen sperrt sich aber gegen die Schnelligkeit im Leben um uns herum. Ohne Zeit und Geduld gelingt es kaum, eine fremde Kultur zu erfassen und zu verstehen. Daher spielt der längere Aufenthalt in der fremden Kultur für die Ausbildung eine wichtige Rolle. Idealerweise sollten auch die Lehrenden immer wieder eine längere Zeit im Ausland verbringen können. Über die Vorteile eines Sprach (und Kultur-)bades herrscht Einigkeit. Das wichtigste aber an einem längeren Auslandsaufenthalt ist die Möglichkeit, einen Kulturschock zu erleben, durch den man sich der Andersartigkeit der eigenen Kultur erst "richtig" bewußt werden kann. Für Wolf Wagner (1996) z. B. stellt der Kulturschock, den man übrigens auch bei der Rückkehr in die eigene Kultur erleben kann, das "beste, vielleicht sogar das einzige Mittel, um fremde Kulturen erleben und verstehen zu können" dar. Keine der neuen Technologien kann diese vor dem Hintergrund des Zusammenwachsens der Welt zu einem "globalen Dorf" so wichtigen Erfahrungen vermitteln. Verstehen und Verständigung über die eigene Kultur hinaus gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Vielleicht trägt die derzeitige Diskussion in der Bundesrepublik über Mangel an Computerspezialisten, – nach Angaben des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" (13/2000) fehlen in den USA ebenfalls Computerspezialisten –, mit etwas Glück dazu bei, daß Bildung nicht weiter entwertet wird, sondern wieder im urspünglichen Sinn verstanden werden darf.

Abschließend möchte ich noch einmal Bundespräsident Rau, für den die Universität die Aufgabe hat "für ‘Verstehen’ zu sorgen – in einem umfassenden Sinn" und für den die Erinnerung an die der Humboldtschen Universität zugrungdeliegende Idee weiterhin eine Hilfe ist, zitieren: "Das Geheimnis jeder Bildung, die den Namen verdient, ist es, zu verstehen – und das Verstehen zu lernen. Das braucht Zeit und Geduld". Den Studierenden von heute kann man nur wünschen, daß sie – bei allen notwendigen Reformen – in Zukunft wieder die Gelegenheit haben, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln, die in der Lage sind langfristig kreativ und flexibel zu denken und zu handeln, weil sie während des Studiums die Zeit hatten, die Zusammenhänge verstehen zu lernen.

The writer is a lecturer at the Department of German Translation and Interpreting.


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PR & Press Office <tiedotus@utu.fi>, May 5th 2000
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